Über die Tugend

Oder: Was für ein Mensch willst Du sein?

Die Auseinandersetzung mit Tugenden ist kein moralisches Pflichtprogramm und kein Katalog von Regeln, denen man genügen muss. Sie ist vielmehr eine innere Reise, ein lebendiger Weg, auf dem der Mensch lernt, sein Leben in Harmonie mit sich selbst, mit anderen und mit den größeren Rhythmen des Daseins zu bringen. Tugenden sind geistige Impulse, die uns helfen, unser Menschsein in Einklang zu gestalten.

In diesem Sinne ist spirituelle Entwicklung immer auch moralische Entwicklung. Ein zentraler Aspekt der Spiritualität, welcher bei aller Praxis von Meditation, Körperbewusstsein, Yoga oder Chakrenarbeit viel zu oft vernachlässigt wird. Wer sich geistig bemüht, wird nicht weltfremd, sondern erlebt sich sehr viel tiefer mit der Welt verbunden. Durch innere Arbeit werden wir geerdeter, durchlässiger und empfindsamer für die seelischen und geistigen Bedürfnisse der Menschen um uns herum. Tugend bedeutet hier eine aus Freiheit geborene Haltung der Achtsamkeit und Verbundenheit gegenüber der Welt, ein stilles, liebevolles Schenken aus Seele und Geist. Frei von Zwang und ohne Erwartung jedweder Anerkennung.

Tugend ist keine erlernte Verhaltensweise, sondern eine lebendige Handlung. Das bedeutet sie entsteht nicht aus „Ich muss“, sondern aus „Ich sehe und fühle mich verbunden“. Sie verlangt eine Disziplin der Aufmerksamkeit, der Hingabe an die Wahrnehmung des anderen. Man kann auch von einem alchemistischen Prozess sprechen: Das innere Seelenleben wandelt sich in feine Fähigkeiten, mit denen wir anderen Menschen mit Takt, Grazie und stiller Achtsamkeit begegnen können.

Damit Tugenden lebendig werden, brauchen sie ein inneres Bild, ein Gefühl, eine Vorstellung. Jede Tugend möchte innerlich erlebt werden, damit ihr Wesen klarer und wärmer in uns aufscheinen kann. So werden Tugenden zu einem ganzheitlichen Bewussteinszustand, gleichsam im Denken, Fühlen und Wollen.

Diese Haltung prägt unsere Beziehungen: zu Menschen, zu unserem Leib, zur Natur, zu Pflanzen und Tieren, zur Welt als lebendigem Ganzen. Tugendarbeit berührt den Kern des Menschseins. Sie erinnert uns daran, dass wir Wesen aus Körper, Seele und Geist sind. Das Potenzial, Mensch zu sein, wurde uns mitgegeben – ob wir es entfalten, liegt in unserer Freiheit. Tugend zu üben heißt, Verantwortung für dieses Potential zu übernehmen.

Den Weg der Tugend zu beschreiten erfordert wache Selbstbeobachtung: das Lauschen auf feinste innere Regungen und das Erkennen ihrer Zusammenhänge. Es ist ein Weg der Verwandlung: Vom Egobewusstsein hin zu einem Seelenbewusstsein, indem das Leben selbst in seiner ganzen Tiefe, Schönheit und Beseeltheit erfahren wird.