Mitgefühl ist die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich wahrzunehmen. Als als ein Wesen, das sich entwickelt, verwandelt und etwas werden will.
Dazu müssen wir zunächst lernen, unsere eigenen Vorstellungen, Wünsche und Vorurteile ein wenig zurückzunehmen. Denn oft sehen wir im anderen nicht den Menschen selbst, sondern das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Mitgefühl ermöglicht, dieses Bild durchlässig werden zu lassen. Es ist ein Wahrnehmen mit dem Herzen, bei dem wir die innere Entwicklung und das wahre Wesen des anderen ahnen und erkennen können.
Hier liegt auch ein wesentlicher Unterschied zum Mitleid. Mitleid kann bedeuten, dass wir vom Schmerz des anderen so ergriffen werden, dass wir selbst darin versinken. Im Mitgefühl bleibe ich dem Schmerz nahe, ohne mich selbst zu verlieren, zu identifizieren und zu urteilen. Mitgefühl als Tugend ist präsent, mischt sich aber nicht ein, bietet keine Lösung an und versucht nicht, schnell zu reparieren. Der größte Dienst des Mitgefühls besteht darin, einem Menschen so nahe und zugleich so frei zu begegnen, dass er sich selbst besser erkennen und seinen eigenen Weg finden kann.
Mitgefühl fragt deshalb: „Was brauchst du, damit sich etwas in dir entwickeln oder heilen kann?“ Schmerz und Krankheit führen oft dazu, dass sich der leidende Mensch einsam und vom Leben abgeschnitten fühlt. Die einfache, aber essentielle Frage „Was fehlt dir?“ holt, insofern aus aufrichtigem Interesse gestellt, den Leidenden heraus aus der Trennung zurück ins Leben und in die Gemeinschaft. Wahres Mitgefühl ist daher ein Akt tiefster Menschlichkeit.
