Es ist eine häufige Annahme, selbstlos zu sein bedeute, die eigenen Bedürfnisse zu übergehen oder immer zuerst an andere zu denken. Doch wahre Selbstlosigkeit verlangt nicht, dass wir unser Ich verlieren. Im Gegenteil. Nur ein Mensch, der in sich selbst ruht, kann wirklich selbstlos handeln.
Selbstlosigkeit beginnt dort, wo unser Handeln nicht mehr ständig um die Frage kreist: „Was habe ich davon?“ Stattdessen richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf das, was die Situation, der Mensch oder das Leben selbst gerade braucht. Das bedeutet nicht, sich aufzuopfern oder die eigenen Grenzen aufzugeben. Es bedeutet vielmehr, das eigene Ich so weit zu entwickeln, dass es frei wird von Vorurteilen, der Angst „zu kurz zu kommen“ und der Ausrichtung auf die eigenen Vorstellungen.
Robert Sardello formuliert dazu einen wertvollen Gedanken: Das Ego müsse nicht abgeschafft werden; vielmehr brauche es eine höhere Aufgabe. Solange unser Ego keinen höheren Sinn findet, sucht es ständig nach Anerkennung, Besitz, Einfluss oder Bestätigung. Erst wenn es sich auf etwas richtet, das größer ist als es selbst, kann daraus echte Selbstlosigkeit entstehen.
Selbstlosigkeit ist deshalb kein Verlust des Selbst, sondern eine Erweiterung des Selbst. Wir beginnen, die Welt nicht mehr nur aus unserer eigenen Perspektive zu betrachten. Wir hören genauer zu. Wir nehmen andere Menschen wirklich wahr. Wir beginnen danach zu fragen, was durch uns entstehen möchte.
Wie jede Tugend bewegt sich auch die Selbstlosigkeit zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht der Egoismus, bei dem sich alles um die eigenen Wünsche, Vorteile und Bedürfnisse dreht. Auf der anderen Seite steht die Selbstaufgabe. Wer sich selbst völlig verliert, ständig für andere lebt und die eigenen Grenzen missachtet, dient am Ende weder sich noch anderen. Wahre Selbstlosigkeit bewahrt deshalb die eigene Mitte und öffnet sie zugleich für das Leben.
Vielleicht lässt sich das Wesen dieser Tugend am einfachsten so beschreiben:
Selbstlosigkeit bedeutet, so ganz Mensch zu werden, dass das eigene Ich gestärkt wird – und zugleich durchlässig wird für das Gute, das durch uns in die Welt gelangen möchte.
